Maulwürfe gelten als blind. Das ist nicht richtig, auch wenn sie nur schlecht sehen. Ihre Augen sind klein und tief im Fell verborgen. Jahrzehntealten Experimenten zur Folge kann der Maulwurf damit immerhin hell und dunkel unterscheiden. Und mehr wissen wir darüber eigentlich kaum.
Dafür haben wir eine recht gute Vorstellung davon, wie Maulwürfe mit ihrer Nase tasten können. Neben ihren Tasthaaren an Schnauze und Schwanz steht dem Maulwurf nämlich noch ein besonderes Organ zur Verfügung, um die Form und Struktur seiner Erdumgebung zu erkunden.

Das Eimersche Organ
Theodor Eimer untersuchte um 1870 sehr akribisch Maulfurfschnauzen. Er fand ein spezielles Organ, bestehend aus einem Feld gleichmäßig angeordneter Papilarkörper, also Minisäulen aus Hautzellen. Fast zeitgleich, aber zunächst unabhängig wurden die Merkelschen Zellen beschrieben. Diese spezialisierten Hautzellen sitzen in der untersten Schicht der Oberhaut und enthalten Vehsikel mit Nervenbotenstoffen. Damit stehen sie direkt in Kontakt mit einem Nervenende. Menschen können mit Hilfe ihrer Merkelschen Zell in der Haut beispielsweise Münzen in der Hosentasche unterschieden oder Blindenschrift lesen. Der Maulwurf liest die Beschaffenheit des Erdreiches.
Das Eimersche Organ besteht also quasi aus epidermalen Taststiften, die an ihrer Basis mit einem Drucksensor ausgestattet sind. Zusammen werden die Komplexe aus Merkelscher Zelle, Nervenfaser und Epidermaler Papille nach ihrem Entdecker als Eimersches Organ bezeichnet. In der unbehaarten Hautspitze der Maulwurfsschnauze sitzen viele davon nebeneinander.

Tunnelbelüftung
Die CO2-Konzentration in den Gängen des Maulwurfsbaus kann bis zu 10fach höher sein als in der Atmosphäre. (0,1 – 5%, je nach Belüftung und Bedingungen). Das ist ein Problem, wenn man ein Tier mit einem sehr aktiven Stoffwechsel ist und daher reichlich Sauerstoff verbraucht. Maulwürfe sind daran bis ins Blut angepasst: Ihr Blutfarbstoff (Hämoglobin) bindet stärker an Sauerstoff als der anderer Tiere. Die entsprechende Kennzahl (der Sauerstoffpartialdruck, bei dem die Hälfte des Hämoglobins von Sauerstoff besetzt ist, abgekürzt P50), liegt deutlich niedriger (2,9 kPa) als bei uns Menschen (3,6) oder nahen Verwandten wie der Spitzmaus (4,8). Letztere hat ebenfalls einen sehr schnellen Stoffwechsel – aber sie lebt überirdisch und hat kein Belüftungsproblem. Ihr Sauerstoffaufnahmesystem ist darauf optimiert, eingeatmeten Sauerstoff schnell an die Zellen abgeben zu können. Dafür muss die Sauerstoffbindung eher etwas „lockerer“ sein.
Der Maulwurf macht es anders herum: Er bindet auch bei „stickiger“ Luft den wenigen Sauerstoff gut und muss dafür bei der Abgabe ins Gewebe Kompromisse machen. Verirrte sich die Spitzmaus aus dem Kompost tief in das Tunnelsystem des Maulwurfes, fühlte sie sich schnell wie ein mit dem Kopf unter der Bettdecke lesendes Kind – es wird ihr zu stickig, sie muss an die frische Luft, wenn sie ihre Leistung aufrecht erhalten will. Kollege Maulwurf dagegen wullackt unter diesen Bedingungen unbeirrt weiter. Belüftung ist aber auch für ihn ein Thema – die fluffigen Erdhaufen sind sollen auch den Gasaustausch erleichtern. (Tritt man den Haufen platt, ist der Maulwurf daher schon aus Belüftungsgründen genötigt, zügig einen neuen aufzuwerfen.)
Vorausschauend und sparsam
Ein schneller Stoffwechsel verlangt nicht nur Sauerstoff, sondern auch Nahrung – im Fall des Maulwurfes ausschließlich tierische. Schon nach 10 Stunden ohne Futter kann ein Maulwurf verhungern. Um das zu vermeiden, betreibt er vor allem im Winter Vorratshaltung: Gefangene Regenwürmer werden durch Bisse fluchtunfähig gemacht und in speziellen Kammern gelagert. So bleiben sie lebendig – und damit frisch, aber verfügbar. Darüber hinaus schrumpfen Maulwürfe im Winter ihr Gehirn, um Energie zu sparen. Ein Feature, dass derzeit intensiv erforscht wird, weil man sich daran neue Erkenntnisse zum Thema Neuroplastizität bei Säugetieren – also letztlich auch Menschengehirnen – erhofft.
Auch in Sachen Funktionskleidung ist mein Mitbewohner des Monats ein gutes Beispiel für kompromisslose Anpassung an die Lebensweise: Sein Fell hat im Gegensatz zu dem der meisten anderen Tiere keinen „Strich“ er kann also problemlos rückwärts auch durch enge Gänge laufen, ohne dass sich ihm die Haare aufstellen. Das Winterfell ist sehr dicht – es soll früher auch in der Pelzindustrie genutzt worden sein.
Mit seinem Patentschaufeln kann er große Erdmassen bewegen, wie er in meinem Garten auch eindrucksvoll demonstriert hat. Wahrscheinlich geht es ihm dabei wir mir mit festen Arbeitshandschuhen – unempfindlich gegen Verletzungen heißt gleichzeitig zu wenig Gefühl für feinere Arbeiten – da macht die Verlagerung der Drucksensoren in die Nasenspitze doppelt Sinn. Einige Gärtner treibt der samtweiche Wühler buchstäblich in den Wahnsinn – etwa den Mann der Ende letzten Jahres seinen Schuppen und sein Wohnhaus bei dem Versuch in Brand setze, den Maulwurf mithilfe dieselgetränkter Lappen aus seinem Gangsystem zu räuchern. Zugegeben, kurzzeitig sieht der Garten nach einer Baustelle aus, wenn ein Maulwurf fleißig war. Aber er verbessert die Bodeneigenschaften und hält pflanzenfressende Wühlmäuse fern. Die lockere Erde nehme ich im Vorfrühling, um meine Pflanzkübel schon mal aufzufüllen. Ansonsten beobachte ich mit der Kamera im Anschlag die Bauarbeiten, sooft mein Zeitplan es zulässt. Bisher vergeblich.


