Mein letztes Geburtstagsgeschenk befähigt mich zum großen Lauschangriff auf wendige Nachtjäger in meinem Garten: Das Echometer kann die Rufe der jagenden Fledermäuse nicht nur aufzeichnen, sondern wertet sie in Zusammenarbeit mit einer Smartphone-App gleich noch anfängerfreundlich aus. Und so kann ich dem tanzenden Schatten im Nachtgarten endlich einen Namen geben: Die Software ist sich sehr sicher, die Zwergfledermaus (Pipistellus pipistrellus) identifiziert zu haben.


Rufe für jedes Gelände
So sehr ich Bestimmungssoftware lieben gelernt habe – unfehlbar ist sie nicht. Ich versuchte also herauszufinden, welche Merkmale des Spektogramms der Fledermausrufe zur Identifikation beigetragen haben. Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, es gäbe halt eindeutige Muster für jede Art. So einfach ist es wieder nicht – viele Fledermäuse können recht unterschiedliche Ortungsrufe ausstoßen – je nachdem wo sie gerade jagen. Das ist bei näherer Betrachtung ziemlich logisch.
Mein neu erkannter Mitbewohner ist eine recht flexible Art. Sie ist daher auch eine der häufigsten bei uns. Ihre Superkraft: Sie kommt sowohl in offenem Gelände zurecht als auch in Gebieten mit vielen „Störfaktoren“ wie Pflanzen, Gebäuden usw – wie in meinem Garten. Außerdem fürchtet sie keine Lichtquellen wie Straßenlaternen oder Hausbeleuchtung – damit ist sie bestens gerüstet im Siedlungsbereich unsere Nachbarin zu werden.

Das tolle Feature „Echoortung“ der Fledermäuse ist allgemein bekannt: Schallwellen werden ausgesendet, und am Muster der vom Hindernis zurückgeworfenen Wellen erkennt die Fledermaus ihre Beute. Stellt man sich das jetzt aber mal ganz praktisch im Garten vor, fragt man sich schon: Wie findet man eine winzige fliegende Mücke in einem Garten voller Bäume und Büsche, die ja durchaus auch in Bewegung sein können, nur an zurückgeworfenen Schallwellen?
Was flattert denn da?
Störgeräusche sind tatsächlich ein Problem für meine Fledermaus auf Insektenjagd. Sie muss Kompromisse machen, um ein brauchbares Signal zu bekommen.
Echoortung funktioniert nur auf relativ kurze Distanzen. Die Reichweite ist abhängig von der Größe des Insektes, verschiedenen äußeren Bedingungen, die die Schallweiterleitung beeinflussen und dem ausgesendeten Signal selbst. Neben der Lautstärke kann die Fledermaus auch die Frequenz ihrer Laute beeinflussen. Wir hören davon erstmal nichts – ihre Rufe liegen im Ultraschallbereich und außerhalb des Kompetenzbereiches unserer Ohren. Mein kleiner Ultraschallempfänger zeichnet sie auf und transportiert sie in einen Frequenzbereich, den ich hören kann. Live. Überraschung: Pipistrellus Pipistrellus „klickt“ nicht, wie ich es erwartet habe – sie zwitschert eher!
Klangblitzende Mücken
Die ausgesendeten Rufe sollen möglichst sensibel auf kleine Ziele (Mücke) sein. Das funktioniert am Besten mit längeren Signalen gleicher Frequenz (Schmalband-Töne mehrerer Millisekundenlänge). Im Spektogramm eher ein Strich auf gleichem Niveau. Vor allem, wenn ein Insektenflügel in Bewegung senkrecht zur ausgesendeten Schallwelle steht, wirft er ein starkes Signal zurück – das Insekt blitzt akustisch auf wie eine Spiegelscherbe, die ein Sonnenstrahl trifft. Jetzt weiß der Jäger: Da ist was! Aber wo?

Dafür ist ein anderes Signal besser geeignet: Ein steil modulierter, kurzer „Ruf“ über mehrere verschiedene Frequenzen. Vorteil: Jede Frequenz wird einzeln, sehr kurz erfasst. Damit ist eine exakte Berechnung der Position möglich. Die suchende Fledermaus sendet also erstmal etwas längere, dafür flache Signale aus, die die Chance bieten ein fliegendes Insekt zu einem günstigen Zeitpunkt zu treffen – und so ein starkes „Aufblitzen“ zu erzeugen. Danach schaltet sie auf ein Töne um, die besser geeignet sind die konkrete Position zu berechnen. Gleichzeitig erhöht sie die Anzahl der ausgesendeten Rufe pro Sekunde, wenn sie sich nähert.
Hindernisflüge ohne Sicht
Was aber, wenn die Beute nicht über eine aufgeräumte Landschaft schwebt sondern zwischen Bäumen, Hauswänden und Gartenzäunen umhertaumelt? Die Zwergfledermaus kommt mit bewachsenem Geländer ganz gut zurecht: Sie passt ihre Ortungsrufe an (kurze Breitbandrufe, sehen aus wie ein Haken) und erhält ein Bild, dass Hindernisse und Vegetation darstellt. Sie ist auch flugtechnisch an anspruchsvolles Gelände angepasst und kann die entsprechenden Ausweichmanöver fliegen.
Auch die Abstände zwischen den Ortungsrufen und die Länge derselben müssen angepasst werden – je voller das Gelände, desto mehr Störgeräusche überlagern das Signal der Beute. Betrachtet man das Spektogramm kann man an den Rufen sehen, wo die Suche in den Anflug überging – und wo der Angriff endete. Ich kann also jetzt im Nachtgarten sitzen und auf dem Bildschirm verfolgen, wie mein zwitschernder kleiner Kobold die Mücken fängt.

Hemmerder Koboldclans
Letzte Nacht ließ ich den Apparat ein paar Stunden draußen liegen, etwa wie eine akustische Wildkamera. Die App hat eine weitere Fledermausart identifiziert – und ihre Rufe klingen auch deutlich anders. Angeblich war eine Rauhautfledermaus (Pipistrellus nathusii) zu Besuch. Mal sehen, ob sich das durch weitere Aufnahmen bestätigen lässt – die beiden sind nah verwandt.
Mein vorletztes Jahr aufgehängter Fledermauskasten scheint bisher keine Liebhaber gefunden zu haben. Die Zwergfledermaus wechselt allerdings mehrmals im Jahr ihre Jagdgründe und schläft ohnehin nicht unbedingt, wo sie jagt. Vielleicht entdecken eines Tages ein paar fliegende Kobolde meine Unterkunft als Wochenstube? Es gäbe sicher viel zu hören.


