Die braune Pest

Nacktschnecken haben wenige Freunde unter den Gärtnern. Sie sehen aus wie frischer Hundekot und fressen immer zuerst unsere Lieblingspflanzen. Als Nahrung für beliebtere Mitbewohner fallen sie weitgehend aus.  (Wer hätte je gehört, dass Eichhörnchen und Elstern die von uns wohlwollend beobachtete Singvogelbrut verschonen, um ihren Hunger an Nacktschnecken zu stillen?) Lediglich Igel rollen die Schleimer so lange herum, bis sie einigermaßen genießbar sind.

Weil es mir billig erschien, einen weiteren Schmähartikel über allseits gehasste Wegschnecken zu verfassen, habe ich versucht, eine nette Geschichte über die ungeliebten Gastropoden zu finden. Vielleicht kümmern sie sich liebevoll um ihren Nachwuchs? (Sie sterben kurz nach der Eiablage). Oder ihr Gelege ist die bevorzugte Nahrung einer wunderschönen, bedrohten Schmetterlingsart? (Nein, aber immerhin werden sie von Glühwürmchenlarven gefressen) Die Wahrheit ist: an Acker- und Wegschnecken ist einfach nichts Sympathisches. Im Gegenteil. Sie sind Kannibalen, die auch vor den eigenen Nachkommen nicht Halt machen. Sie fressen tatsächlich zuerst den Salat, weil viele Wildkräuter sich mit Fraßschutzgiften zu wehren wissen. Sie können sich unglaublich stark vermehren, denn nach der stundenlangen Paarung legt jeder der Partner über 200 Eier. Regelmäßig werden auf Äckern 12 Tiere pro Quadratmeter gezählt, in Großbritannien soll es 2017 sogar zu einer Massenvermehrung mit bis zu 1000 Exemplaren pro qm gekommen sein. Brr..

Wegschnecken haben die neuen Schuhe der Tochter gekapert. Lockt Imprägnierspray (mit seinen aromatischen Kohlenstoffverbindungen) die Tiere an? Das konnten wir in späteren Versuchsreihen nicht zweifelsfrei klären.

Folgerichtig gibt es überall reichlich Tipps zur Verfolgung der braunen Pest. Meiner Mutter, einer ausgewiesenen Schneckenhasserin, schenkte ich einst ein Büchlein mit dem vielversprechenden Titel: „100 Arten, eine Schnecke zu töten“. (Spoiler: Sie sind alle schlecht. Mindestens eklig (Durchschneiden), manche grausam (Salz). Aus humanitärer Sicht wird Einfrieren empfohlen. Allerdings sind gefrorene Schnecken neben dem Wassereis auch irgendwie – gewöhnungsbedürftig.)

Selbst Naturschützer hassen die „Spanische Wegschnecke“, die nicht aus Spanien stammt, sondern aus Zentraleuropa eingeschleppt wurde und sich jetzt immer weiter nach Norden und Osten ausbreitet. In den 90ern eroberte sie die östlichen Bundesländer, seit der Jahrtausendwende treibt sie im Baltikum ihr Unwesen- und man hofft angesichts mancher Wahlergebnisse, dass die Ausbreitung dieser braunen Untergrundpest nichts Metaphorisches an sich hat….

Schnecken mit bunten Häuschen sind deutlich beliebter als ihre nackten Verwandten…

Immerhin einen Menschen kenne ich persönlich, der eine rotbraune Nacktschnecke zu ihrem Haustier erkor und sie zärtlich Schleimi nannte. Die Vierjährige ist eine ausgewiesene Freundin der heimischen Insekten, Spinnen und Weichtierwelt und ich beobachte mit Spannung, ob sich diese außergewöhnliche Vorliebe verwächst. Schleimi wurde dann aber leider zu Tode geliebt. Eine ganz neue Methode, aber auch keine allgemeingültige Lösung.

In diesem Sommer wächst mein Salat übrigens erstaunlich unbehelligt. Vielleicht war der Supersommer 2018 kein gutes Schneckenvermehrungs-jahr. Schließlich stieß ich – in einer lauen Sommernacht auf meiner Gartentreppe sitzend – doch noch auf ein versöhnliches Ende meiner Schneckengeschichte:

Ein Tigerschnegel

Ein Tigerschnegel (Limax maximus) mit Tigerstreifen und (vorne) Leopardenmuster.

Es besuchte mich ein Tigerschnegel (Limax maximus). Tigerschnegel sind zwar ebenfalls Nacktschnecken der Ordnung Lungenschnecken (Pulmonata) wie die Weg- und Ackerschnecken, gehören aber zu einer anderen Familie. Tigerschnegel fressen all die verhassten braunen Nacktschleimer und deren Gelege, würden aber ihre eigenen Jungtiere niemals anrühren. Der Salat interessiert sie auch nicht, sie ernähren sich lieber von totem und absterbendem Pflanzenmaterial, davon hat mein Garten jederzeit mehr als genug. Ich gab dem Schnegel einen kleinen Schluck alkoholfreies Bier aus – welches er dankbar annahm- um sein in diesem Sommer topaktuelles Safari-Outfit etwas näher bewundern zu können. Hinten Tigerstreifen, vorne Leopardenflecken- ein hübscher Kerl (bzw Hermaphrodit). Es gibt eben überall solche und solche. Sogar unter Nacktschnecken.

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