Eines meiner stärksten Erlebnisse mit Gartenbewohnern im vergangenen Jahr hatte ich mit Ratten. Zugegebenerweise versetzte mich die Wildkamera-belegte Existenz einer Ratte in meinem Garten direkt in den Alarmmodus. Ratten gehören bekämpft, oder? In der Garage fand sich eine alte Lebendfalle, die ich nach kurzer Recherche mit Erdnussbutter bestückte. Und tatsächlich: Ich fing eine Ratte. Lebend. Und nun?

Die Grausamkeit der Freundlichen
Die Freunde, aufgewachsen auf den umliegenden Bauernhöfen, lächelten milde, als ich erzählte, wie wir die Ratte in der Falle und zusätzlich in einer großen Plastikbox zur 2km entfernten Ruine eines ausgebrannten Viehstalls gebracht hatten. Mit Ratten macht man hier eigentlich kurzen Prozess. Die rehäugige, samthaarige Kindergärtnerin meines Sohnes erzählte mir einst, wie sie an lauen Sommerabenden gegenüber der Scheune säße und mit Vaters Gewehr Ratten erlegte. Ein Freund hatte eine ganze Rattenfamilie unter seinem Hühnerstall ausgegraben- und dabei die ein oder andere mit der Mistforke durchbohrt. Ratten müssen bekämpft werden, und Mitleid mit ihnen ist was für verweichlichte Stadtkinder. (Ein anderer Freund fragte, warum ich die Plastikkiste mit der Falle darin nicht einfach mit Wasser gefüllt hätte?). Es sind die gleichen Menschen, die verletzte Vogelküken aufpäppeln oder ein verwaistes Feldhasenbaby zu einer Pflegestation bis in die Nachbarstadt bringen. Ratten sind halt was anderes. Ich wusste auch lange nicht, ob ich über „meine“ Ratten überhaupt schreiben soll. Vielleicht will danach niemand mehr in meinem Garten sitzen? Eine Eule adelt den Garten, aber Ratten sind ein Stigma.
Auge in Auge mit einer Ratte
Die gefangene Ratte schimpfte buchstäblich in den höchsten Tönen. Sie versuchte uns durch die Metallgitter zu beißen. Sie kämpfte mit jeder Faser. Selbst nachdem wir sie freigelassen hatten, blieb sie in wenigen Metern Abstand sitzen und motzte Zeter und Mordio. Mutig, dachte ich. Oder vielleicht war sie auch nur gestresst und die Verpflanzung in die neue Umgebung lebensbedrohlich. Anschließend versuchte ich etwas mehr über Ratten herauszufinden. Das sollte ja leicht sein, denn Ratten leben quasi schon immer mit uns zusammen. Das Ergebnis war überraschend: Obwohl 20 Millionen Ratten weltweit in Laboren gehalten und alle möglichen Experimente mit ihnen gemacht werden -auch zum Verhalten: Über das Leben WILDER Ratten, ihre Beziehungen in Familien, ihr Territorial- und Wanderverhalten weiß man offenbar erschreckend wenig
„Wir wissen mehr über Blauwale und Eisbären als über Ratten,“ sagt Chelsea Himsworth, Rattenforscherin aus Vancouver, in einer Arte-Dokumentation. Erst in der allerjüngsten Vergangenheit haben Forscherinnen wie sie in verschiedenen Großstädten damit begonnen, Rattus norvegicus als wichtigen Teil des urbanen Ökosystems zu verstehen – und zu untersuchen. Die wichtigste Erkenntnis bisher: Der Name Wanderratte ist irreführend. Ratten leben in Familiengruppen und haben mit anderen Familien wenig an der Mütze. Sie bleiben in ihrem Revier, ihrerm Block. Wenn genug Futter da ist (Mülleimer!) reichen ihnen ein paar Meter Fläche.
Ratten muss man jagen


Familien, soso. Ich baute die Falle wieder auf, da musste also noch mehr sein. Und tatsächlich: Wenige Tage später fing ich eine ziemlich kleine Ratte. Leider am Anfang der Nacht. Als ich am nächsten Vormittag die Falle kontrollierte, war das Tierchen bereits gestorben. Das tat mir leid, ich übergab den Baby-Ratten-Kadaver der Biotonne und lies die gereinigte Falle geschlossen draußen stehen, ich hatte keine Lust mehr. Die Wildkamera zeigte das Drama der Nacht: Eine Ratte saß drin, eine weitere war draußen. Ihre Konversation war überraschend laut. In den folgenden Nächten suchte eine weitere Ratte die Umgebung der Falle ab. Auf meiner Terrasse. Also doch wieder Erdnussbutter in die Falle. Ich fing ab jetzt: Eine kleine Waldmaus, die sofort wieder gehen durfte. Eine Spitzmaus, die sich durch die winzigen Maschen ins Freie quetschte. 2 mal den Igel, auch nachdem ich die Falle etwas erhöht auf Ziegel stellte. Die Ratte umkreiste die Falle jede Nacht schnuppernd. Ich konnte ihr Verlangen nach Erdnussbutter auf den Aufnahmen regelrecht fühlen. Aber sie betrat niemals die Falle. Sie hatte ein Familienmitglied sterben sehen. Sie blieb draußen, egal wie der Köder duftete.

Meister der Selbstbeherrschung?
Nachdem ich den Igel zum dritten Mal befreit hatte, nötigte mir die Selbstbeherrschung des unbeliebten Nagers dann doch Respekt ab. Alle anderen Viecher waren entweder zu dumm oder zu undiszipliniert, um die Falle zu meiden – die Ratte nicht. Ich stellte meine Fangversuche – müde von Igelkontrollen vor Sonnenaufgang – ein.

Der Rattenfänger von Hemmerde
Dann hörten wir im Dachstuhl über dem Schlafzimmer Getrappel. Der Gatte beschied, draußen könne ich leben lassen, was ich wolle, im Haus aber nicht. Da die Falle verbrannt war, riefen wir einen Profi. Der war ziemlich entspannt. Das Getrappel stamme von einzelnen Mäusen, wie er am Kot bestimmte und er fand auch die Wandritzen, die es zu verschließen galt. Die Rattenvideos aus dem Garten kommentierte er mit den Worten: Es gibt überall Ratten. Aha. Er stellte Metallboxen mit Giftködern auf. Die Öffnung zu klein für Igel. Aber Mäuse? Rattengift wirkt verzögert. Es hemmt die Blutgerinnung, die Tiere verbluten innerlich. Es tat mir leid um die Mäuse. Ich fürchtete um die Waldohreule, denn die Antikoagulanzien aus Rattengift akkumulieren in der Natur, das heißt sie werden nicht abgebaut, sondern in der Nahrungskette weitergegeben. Sie reichern sich sich sogar im Wasser an, wie Forschende in Berlin zeigen konnten. Sie empfehlen die Verwendung von Giftfallen einzustellen.
Die Ergebnisse anderer Forschungsgruppen, etwa aus Helsinki zeigen: Gift-Feldzüge gegen Ratten in Städten sind nahezu wirkungslos. Gerät eine Population unter Druck, weil Tiere getötet werden, kurbeln sie die Reproduktion an. Gleichzeitig führt das veränderte Verhalten zu einer schnelleren Ausbreitung von Krankheitserregern als ohne Intervention. Menschen – auch das ein Ergebnis der Studien – sind übrigens von durch Ratten übertragenen Krankheiten nur in Ausnahmefällen gefährdet, zum Beispiel Obdachlose. Giftköder allein scheinen mittelfristig wirkungslos. Und teuer. Der Kammerjäger sammelte seine Fallen bald wieder ein – die Köder waren kaum angerührt, eher durch Mäuse, wie er zugab. Der Einsatz hatte mehrere hundert Euro gekostet, was gibt die Welt wohl für Rattenbeköderung aus? Städte wie New York sind auf integrierte Programme (z.B. Müllmanagement, bauliche Vorgaben, Armutsbekämpfung und Bildungsprogramme) umgestiegen und zahlen dafür mehrere Millionen jährlich.
Die Wildkamera filmte weiter die Ratte. Ich lernte von den Forschern: Die Größe der Population wird von Nahrungsangebot bestimmt. Wir schließen die Mülltonnen sorgfältig und haben die Vogelfütterung weitgehend eingestellt. Für das Erstarken einer Rattendynastie wird es also nicht reichen.

Clever und beherrscht
Während ich beschämt die leere Chipstüte entsorgte, die ich eigentlich gar nicht hatte essen wollen (schon gar nicht ganz!), fiel mir die Selbstbeherrschung der Ratte auf den Videos wieder ein. Kann die, was ich nicht schaffe? An der Erdnussbutter vorbei gehen, weil sie weiß, es ist ungesund? Unstrittig ist: Eine hervorstechende Eigenschaften wilder Ratten ist Neophobie, also die Vermeidung von Neuem, Unbekannten. In der um die Falle streichenden Ratte kämpfen zwei Regulationssysteme: Das Belohnungsystem sagt: Hol Dir dieses cremige, hochkalorische, leckere Futter! Das Bedrohungssystem sagt: Das ist gefährlich, lass es bleiben. Die Erfahrung mit der Falle, die Schreie der gefangenen Artgenossen, ihr Panik- und Stressgeruch haben die Signale des Bedrohungssystems mächtiger gemacht. Die Entscheidung fällt also gegen die Falle. Dieses gelernte Vermeidungsverhalten wird diese Ratte dauerhaft behalten. Ich brauche ihr mit der Falle also nicht mehr zu kommen. Sie schützt also vielleicht weniger durch Selbstdisziplin, sondern eine Funktion verschiedener Signale.
Laborratten sind weniger neophob, sie wurden schließlich gezüchtet, um in Experimenten „mitzuspielen“. Auch bei Mäusen ist die Abwägung zugunsten der Futterbelohnung verschoben: Sie sind nicht „dümmer“ aber sie müssen schneller fressen, ihr Stoffwechsel ist noch hochtouriger als der der Ratte. Sie gehen daher leichter in Fallen. Über den Igel konnte ich dazu nichts herausfinden. MEIN Igel ist offenbar nicht besonders lernfähig.

Choose your fights
Wo Menschen leben, gibt es Ratten. Eindämmen lässt sich ihre Vermehrung, indem wir sie nicht füttern und ihnen keine Wohnungen zur Verfügung stellen, etwa in leerstehenden Gebäuden. In begrenzten Naturräumen ist eine effiziente Rattenbekämpfung sehr sinnvoll: Am Freitag breche ich nach Helgoland auf, 70 km vor der Küste. Schroffe Felsen, die sich viele Seevögel genau deshalb zum Brüten aussuchen, weil es dort keine vierbeinigen Nesträuber gibt. In den 60er Jahren lebten von den Essensresten tausender Touristen 15.000 Ratten auf der nur einen Quadratkilometer großen Insel – und bedrohten die Vögel. Sie wurden mit einem großen Giftfeldzug ausgerottet. Bis heute werden Schiffe und Waren auf blinde Nagetierpassagiere kontrolliert. Einzelne Exemplare werden trotzdem ab und an gemeldet. Daraus schließe ich: Ein rattenfreier Garten bleibt ein ähnlich utopisches Ziel wie einer ohne streunende Hauskatzen oder den Rasenmäherlärm der menschlichen Nachbarn. Mein neues Rattenwissen hat also die Demarkationslinie verschoben: Wer draußen und im Verborgenen bleibt, ist hiermit Teil der Garten-Wohngemeinschaft. Ich arbeite an meinen Gefühlen dazu.

