Ehrlich gesagt hatte ich die Wildkamera in banger Erwartung am Komposthaufen postiert, um zu kontrollieren, ob wir den Garten etwa mit Ratten teilen. In dieser Hinsicht gibt es glücklicherweise Entwarnung. Das kleine Säugetier, das statt dessen die Kamera auslöste, ist kein Nagetier und nicht näher mit Ratten oder Mäusen verwandt. Es heißt trotzdem Spitzmaus. 1942 hatte die Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde beschlossen, diesen irreführenden Namen gegen die ältere Bezeichnung Spitzer zu tauschen. Davon las ein in vielerlei Hinsicht gestörter Massenmörder namens Adolf Hitler in der Zeitung und lies den Experten des Gremiums buchstäblich Arbeitseinsätze an der russischen Front androhen, sollten sie an dieser „blödsinnigen Umbenennung“ festhalten. Was eine Maus ist, bestimmt der Führer, beziehungsweise der Volksmund. Fakten sollten dabei natürlich keine Rolle spielen! Die Zoologen, die man sich wohl eher als nerdige Männergruppe höheren Durchschnittsalters vorstellen darf, knickten ein.

Harmlose Insektenfresser
Ihr dürft also meinen Mitbewohner offiziell als Hausspitzmaus (Crocidura russula) kennen lernen. Für die korrekte Artbezeichnung würde ich allerdings auch keinen Aufenthalt an der wieder aktiven Russlandfront riskieren – es gibt nämlich mehrere Spitzmausarten in Deutschland. Die in Frage kommende Gartenspitzmaus lebt allerdings weiter südlich und östlich und die Feldspitzmaus ist noch ein bißchen kleiner, glaube ich. Spitzmäuse sind am ehesten mit meinem Maulwurf verwandt, den ich immer noch nicht vor die Linse bekommen habe. Wie er leben sie hauptsächlich von Krabbeltieren, Larven und Würmern. Ich hoffe, sie finden nicht alle Nashornkäfer-Engerlinge im Kompost. Im Winter ist selbst dort nicht immer ausreichend tierische Nahrung vorhanden und Fettreserven haben sie fast gar keine. Spitzmäuse machen aber keinen Winterschlaf und leben ein energieintensives Leben, das sie innerhalb weniger Stunden an den Rand des Hungertodes führt: 800 bis 1000 Mal pro Minute schlägt ein Spitzmausherz. Normalerweise! Erschrecken sie sich oder geraten in Stress, donnern 1200 Pulsschläge pro Minute durch ihren Körper – ein Schock, der tödlich sein kann. Als Versuchstiere sind sie daher extrem schwer zu halten. Da einige Vertreter der äußerst artenreichen Gattung der Weißzahnspitzmäuse aber in letzter Zeit diverse Viren verbreiten, hätte man gerne Modellorganismen für die Forschung. Es wird daher bereits untersucht, wie man die sensiblen Wurmfesser im Labor am Leben hält.


Die Spitzmaus auf der Wildkamera- bißchen unscharf. Zum Vergleich: „Echte Mäuse“ haben viel größere Augen und Ohren. Die kleine Waldmaus schaut ebenfalls regelmäßig auf dem Kompost vorbei.
Schrumpfköpfe als Energiesparmodell
Wer im Winter den Stoffwechsel nicht runterfährt und trotzdem gegen die Kälte anessen muss, braucht eine Energiesparstrategie: Spitzmäuse können ihr Gehirn schrumpfen. Schädel und Hirn sind im Frühjahr kleiner als im Herbst – und zwar reversibel. Ganze 20 Prozent Schädelschwund wurden gemessen. Das hat Auswirkungen auf den gesamten Körper. Wie sie das machen, ist noch weitgehend ungeklärt, denn wie schon erwähnt – im Labor gehen die Tierchen am Stress leicht zugrunde. Das Phänomen ist interessant, weil man daran viel über die Anpassungsfähigkeit von Säugetiergehirnen (die sogenannte Neuroplastizität) lernen kann. Es hat sich im Laufe der Evolution mehrfach (konvergent) entwickelt und wurde auch bei nicht näher verwandten Tieren wie Wieseln gefunden.
Spitzmäuse sind keine Schädlinge, weder an Pflanzen und Wurzeln, noch an Vorräten und Lebensmitteln. Es gibt also keinen Grund ihnen nachzustellen.
