Die Ohren der Sichelflügler

In den letzten Nächten zeigten sich verschiedene Sichelflügler. Mindestens einer davon hatte optisch so gar keine Ähnlichkeit mit den anderen beiden, und dann las ich, dass sie zusammen mit den Eulenspinnern in eine Gruppe sortiert werden, was denn nun? Eulen, Spinner? Wie soll man sich in der Nachtfalter-Systematik zurecht finden, wenn die alle ähnlich heißen aber gar nicht verwandt sind? Oder zusammengehören, obwohl sie sich überhaupt nicht ähneln. 



Die Antwort liegt in diesem Fall in den Ohren. Die sind bei den verschiedenen Faltern der Familie Drepanidae so ähnlich gebaut, dass man eine Verwandtschaft annimmt. Hä? Nachtfalter mit Ohren? Also eigentlich ist das Tympanalorgan gemeint, ein „Schallsinnesorgan“ verschiedener Insekten. Bei den Nachtfaltern sitzt dieses Organ im ersten Hinterleibssegment. Das Organ selbst hat sich im Laufe der Evolution mehrfach entwickelt. Man kann also aus seiner bloßen Existenz noch keine Verwandtschaft ableiten. Bei den Eulenspinnern und Sichelflüglern ist es allerdings auffällig ähnlich gebaut, das reichte, um die etwa 650 bekannten Arten zusammen zu fassen. In Mitteleuropa fliegen nur 17, ein überschaubares Grüppchen also.

Fledermaus – ich hör dir trapsen

Das Tympanalorgan der Sichelflügler besteht aus einem dünnen Trommelfell (Tympanum), das von Luftkammern umgeben ist, und vier Sinneszellen (Scolopidien). Letztere reagieren auf Ultraschallfrequenzen. Damit ist auch die Funktion dieser „Mottenohren“ geklärt: Sie nehmen die Ultraschallrufe von Fledermäusen wahr und können sich in Sicherheit bringen. Leise Rufe (die beispielsweise 30m entfernt sind) lösen Fluchtverhalten aus. Laute Rufe (unter 5 m Entfernung) lassen den Falter die Flügel zusammenklappen um schnell in die Vegetation zu fallen oder einen erratischen Taumelflug einleiten, den die Jäger nicht berechnen können. Über das Gehör verschiedener Mitbewohner hatte ich schon mal geschrieben.

Was die Namensgebung betrifft: Eulen und Spinner bilden keine Verwandschaftsgruppe. Spinner haben innerhalb der Nachtfalter nur eins gemeinsam: Ihren deutschen Namen.

Der Helle Sichelflügler (Drepana falcataria)
Die Raupen fressen am liebsten Schwarzerle, aber sie würden auch meine Hänge-Birke (Betula pendula), nicht verschmähen. Vorausgesetzt ein Weibchen legte eine Eireihe (bis zu 10) auf die Oberseite eines Birkenblattes. Die Raupen knicken di eBlätter zu einer buckeligen Behausung und steppen die Kannen mit einem selbstgesponnen Faden fest. In dieser Blattkammer verstecken sie sich tagsüber. Bei Gefahr klopfen sie von innen an die Blatthülle um mögliche Räuber zu verscheuchen. Am Ende verpuppen sie sich in ihrem Blatthaus und schlüpfen dann – je nach Jahreszeit – im gleichen Jahr. Oder sie lassen sich mit ihrem Blatt auf die Erde fallen und überwintern in der Laubstreu, um im Frühjahr zu schlüpfen.
Weißer Sichelflügler oder Silberspanner (Cilix glaucata)
Dieser kleine Falter sieht so ganz anders aus als seine Verwandschaft: 2 cm klein mit porzellanweißen Flügeln, auf denen sich ein Fleckenmuster mit silbrig grauen, braunen und gelblichen Anteilen befindet. In Ruhestellung sind diese Flügel dachförmig aneinandergelegt und imitieren einen Vogelschiss. Vogelkotmimese nennen die Experten das vornehm. Seine Raupen mögen Schlehe (
Prunus spinosa, letztes Jahr neu angepflanzt) und Weißdorn (Crataegus monogyna, hat sich selbst vor ein paar Jahren angesiedelt).
Dem Eichen-Sichelflügler oder Zweipunkt-Sichelflügler (Watsonalla binaria) sieht man die Verwandtschaft mit dem Hellen Sichelflügler schon eher an. Seine Raupen fressen eigentlich auf Eichen, wurden aber auch schon auf Buchen, Birken und Erlen gefunden.

Um das Namens-Verwirrspiel komplett zu machen: Das ist eine Sicheleule (Laspeyria flexula) aus der Familie der Erebidae. Sie ist weder ein richtige „Eule“ (Noctuidae) noch ein Sichelflügler. Ihre Raupe frisst Flechten und Algen auf der Rinde von Nadelbäumen und Sträuchern.

Der Birken-Eulenspinner (Tetheella fluctuosa) ist werder eine echte „Eule“ noch ein „Spinner“ – Eulenspinner haben ein ähnliches Tympanalorgan wie die sichelflügler und gelten daher als nahe mit ihnen verwandt.
Der Achat-Eulenspinner (Habrosyne pyritoides) fällt in die gleiche Kategorie.

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