Gott und die Wespen

Matze (ganzjähriger Mitbewohner in Haus und Garten) predigt häufiger mal über Glaubenskrisen. Eine solche durchlebte einer der berühmtesten Naturforscher im Jahr 1860: Charles Darwin schrieb an seinen Brieffreund, den amerikanischen Botaniker Asa Grey: „Ich kann mich nicht dazu überreden, dass ein gütiger und allmächtiger Gott mit Absicht die Schlupfwespen erschaffen haben würde mit dem ausdrücklichen Auftrag, sich im Körper lebender Raupen zu ernähren…“. Tatsache ist, das Konzept parasitoider Lebensweise ist sehr erfolgreich und weit verbreitet.

Dieses Gespinst enthält Puppen und frisch geschlüpfte Imagos von Brackwespenlarven die ihr Leben in einer Raupe des kleinen Kohlweißlingsbegonnen haben. Ihren Werdegang habe ich hier beschrieben.

Was sind Schlupfwespen

Die gängige Theorie besagt, dass sich aus den Pflanzenwespen solche mit parasitischer Lebensweise entwickelten. Beziehungsweise korrekt: Parasitoider Lebensweise. Denn während ein Parasit (wie eine Laus oder ein Wurm im Darm) seinen Wirt keinesfalls töten will – er braucht ihn ja noch – entwickelt sich ein Parasitoid an und in seinem Wirt und tötet ihn im Verlauf dieser „Beziehung“. 


Eine Schlupfwespe, vielleicht Stenichneumon culpator, deren Larven an Schmetterlingsraupen fressen.

Die Taille als Überlebensvorteil

Damit aus den Hautflüglern so erfolgreiche Parasitoide werden konnten, war eine Innovation entscheidend: Die Wespentaille! Die damit gewonnene Beweglichkeit hilft dabei, ein Ei am Wirt zu platzieren. Sie ermöglicht es beispielsweise den Legebohrer in ein verschlossenes Bienennest zu treiben. Einige Beispiele für solche Bienen- und Käferparasitoide in der Nisthilfe habe ich letztes Jahr gesammelt. Das Schmarotzen an anderen Insekten und Spinnen war extrem erfolgreich und hat sich mehrfach entwickelt, daher sind nicht alle Schlupfwespen-Gruppen gleich nahe miteinander verwandt. Der Begriff Schlupfwespe ist eigentlich eher eine Berufsbezeichnung als ein Familienname. Alles, was uns ansonsten als Wespe mit schlanker Taille bekannt (oder verhasst ist) ist, nämlich die Stechimmen, hat sich erst viel später entwickelt – als der Legebohrer zum Giftstachel wurde, um ein Nest mit viel Larven zu beschützen.

Eine Schmalbauch- oder Gichtwespe (Gasteruptiidae) mit beeindruckendem Legebohrer. Diese Schlupfwespen parasitieren Wildbienenarten. Wegen des langen Legebohrers mit weißer Spitze und der Anwesenheit beim Bienenhotel vermute ich Gasteruption jaculator.



Schlupfwespen sind so unerforscht, dass die Artenzahl weltweit nur auf groben Schätzungen beruht. Es sind jedenfalls sehr viele, knapp eine halbe Millionen bis doppelt so viel. Bekannt ist nur ein Bruchteil – und davon weiß man häufig fast nichts über die genauen Räuber-Wirt- Beziehungen. Hinzu kommt, dass die vielen hundert Arten nicht am Foto bestimmbar sind, teils auch nicht von einem Experten mit Binokular. Bestimmungsapps beschränken sich daher in aller Regel auf „Schlupfwespe unbestimmt“, wenn man fragt. Ich habe versucht meinen Mitbewohnerinnen etwas näher zu kommen, aber das sind alles nur vage Vermutungen, bei unklarer Sachlage nehme ich die häufigere.

Eine weitere Gichtwespe, möglicherweise (auch aufgrund der Häufigkeit) Gasteruption assectator. Diese Wespe heißt auf Englisch Carrot-Wasp, und sie sitzt hier aus Wilder Möhre. Ihr Legeboher ist vergleichsweise kurz.

Gehärtete Bohrspitzen

Wichtigstes Werkzeug für die Mitglieder der Schlupfwespen-Gilde: Der Legebohrer. 
Der Bohrer muss häufig durch sorgfältig gemauerte Nestverschlüsse oder die Wand eines Insektennestes, etwa einen Pflanzenstängel. Damit das wertvolle Werkzeug nicht schon vor dem Einsatz beschädigt wird, ist es in einem zweiteiligen Schaft eingelappt. Die Spitze des Bohrers ist mit Metallionen wie Zink oder Mangan gehärtet. 

Das Ei der Schlupfwespe muss im Extremfall durch ein mehrere Zentimeter langes, Millimeterbruchteile dünnes Rohr gepresst werden. Dabei verformt es sich länglich.

Diese Schlupfwespe könnte Ichneumon stramentor sein, nach den Beschreibungen. Sie parasitiert Eulenfalter-Raupen.

Es riecht nach Blattfraß

Wie finden die Schlupfwespen ihre Babynahrung? Sie lassen sich beispielsweise vom verheißungsvollen „Geruch“ pflanzlicher Hilfeschreie leiten. Ein olfaktorische Hinweisschild auf mögliche Opfer sind sogenannte Kairomone. Der Begriff bezeichnet keine Substanzgruppe sondern lediglich eine ökologische Funktion: Diese Signale helfen nur dem Empfänger und der Pflanze allerhöchstens mittelbar. Es handelt sich um Stoffe, die Pflanzen ausstoßen, die gerade angefressen werden, z.B. von einer Raupe. Zur passgenauen Identifikation wird dann beispielsweise der Speichel der Raupe oder Larve verwendet, die da grad am Blatt knabbert. Es ist sehr wichtig, den Wirt richtig zu identifizieren – denn die enge Beziehung zwischen Wirt und Parasitoid macht die Wespenlarven bezüglich des Menüs etwas unflexibel: Viele Parasitoide müssen mit dem Immunsystem des noch lebenden Wirtes zurecht kommen, außerdem muss die Entwicklung des Opfers synchron zur eigenen Individualentwicklung verlaufen. 

Auch Bienennester werden über Geruchsstoffe gefunden.

Eine Erzwespe, eventuell Monodontomerus obsoletus, in einer Mauerbienen-Niströhre.

Bei der Eiablage entscheiden viele Schlupfwespenweibchen, ob sie ein Männchen (umbefruchtetes Ei) oder ein Weibchen (befruchtetes Ei) platzieren. Das wichtigste Kriterium dafür ist die Größe des gefangenen Opfertieres. Weibliche Wespen brauchen mehr Futter. Männchen schlüpfen später zuerst und warten auf die Weibchen. 


Diese Brackwespen (Habrobracon hebetor) habe ich zur Bekämpfung unserer Lebensmittelmotten extra bestellt. Grundsätzlich funktioniert das gut – aber das Wesen einer Wirt- Parasitoid-Beziehung ist natürlich, dass nicht ALLE Wirte sterben dürfen. Das System hat also Grenzen.


Ausgewachsen sind viele Schlupfwespen Vegetarier und fressen Nektar und Pollen. Dabei ließen sich meine Mitbewohnerinnen bereitwillig fotografieren.

Diese Schlupfwespe könnte Ophion obscuratus heißen, aber es gibt verschiedene sehr ähnliche Arten. Sie ist nachtaktiv und parasitiert Eulenfalterraupen.

Und was hat Gott sich nun dabei gedacht?

Matze ficht die Existenz von Schlupfwespen und anderen Parasitoiden in seinem Glauben nicht an: Erstens beschränkt er das Versprechen der Gottesliebe ohnehin auf Menschen – und zweitens würde er Darwin darauf hinweisen, dass dieser lediglich auf die viel diskutierte Theodizeefrage gestoßen sei. Deren Lösung ist aber – so Matzes Überzeugung – für den wahren Glauben irrelevant, fußt dieser doch im Kern auf ein Vertrauen jenseits menschlicher Vernunft. Darwin dagegen rettete seinen Glauben angesichts der studierten „Darwinwespen“ in den Deismus. Danach schuf Gott bloß die Naturgesetze – und hält sich seitdem raus. Angestochene Schmetterlingsraupen dürfen jedenfalls keine göttliche Hilfe erwarten.

Eine weitere, unbestimmte Darwinwespe.

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