Renitente Origami-Meister

Die meisten Insekten können fliegen. Der evolutionäre Erfolg der Insekten gründet auf ihrer Flugfähigkeit, und was an Krabbeltieren im Garten NICHT fliegen kann, etwa Kellerasseln, Silberfischchen oder Spinnen, hat meist mehr als 6 Beine (oder gar keine) und ist kein Insekt. Trotzdem war ich überrascht zu lesen, dass Ohrenkneifer fliegen können. 

Für die Sommersaison nahm ich mir also vor, einen fliegenden Ohrwurm abzulichten. Allerdings, so berichtete die einschlägige Literatur, seien Ohrwürmer nicht leicht zum Abheben zu bewegen. Nichtsdestotrotz ist es Menschen gelungen, es gab einige fantastische Aufnahmen irisierender Ohrwurmflügel, in Ohrenform, weshalb die Tierchen im englischen „Earwig“ heißen. Womöglich kommt ihr unmöglicher deutscher Name daher. (Fakt ist: Ohrwürmer haben keine Beziehung zu menschlichen Ohren!)


Flugbereitschaft

Gemeiner Ohrwurm, frisch gehäutete Larve, 2. Stadium.
Gemeine Ohrwurm (Forficula auricularia), Nymphe

Ich begann also, zum Thema Ohrwurmflügel zu recherchieren und suchte parallel nach Einbruch der Dämmerung im Garten nach geeigneten Fotomodellen. Selbst Chat-GPT wusste keine Anleitung aus dem Internet zu kitzeln, wie man Ohrwürmer zum Flug motiviert. Ich musste also selbst experimentieren. Bei den ersten (kleineren) Exemplaren war ich unsicher, ob sie überhaupt schon das letzte Nymphenstadium hinter sich gelassen hatten und flugfähige Flügelchen unter ihren besonders kurzen Deckflügeln verbargen. Das war im Juni. Später fing ich regelmäßig ausgewachsene Ohrwürmer und setzte mich im Homeoffice neben ein Tierchen, dass auf einem Stock saß, der im Wasser stand. Man hätte also fliegen müssen, um diesen Ort zu verlassen.

Gemeiner Ohrwurm, Forficula auricularia


Tierversuche

Die Ohrwürmchen suchten sich eine bequeme Stelle, reckten die Hinterleibszangen vorsichtshalber zur Abwehr in die Luft und verharrten regungslos. Stundenlang. Ich versuchte daraufhin, es ihnen ungemütlich zu machen. Sie mochten nicht, wenn ich sie anhauchte. Dann liefen sie den Stock auf und ab. Sie mochten auch nicht den Brandgeruch eines Streichholzes – oder dessen Hitze. Aber das führte nicht zu Flugversuchen. Ich ließ sie ein paar Tage (hungrig) auf dem Stock – aber sie flogen nicht davon. Zweimal fiel ein Ohrwurm ins Wasser und ging unter, rettete sich aber selbständig schwimmend wieder auf den Pin. Ich machte noch verschiedene Versuche und ließ die Tiere auch über Nacht auf dem Stock. Manche waren dann morgens weg. Ich installierte die Wildkamera davor- aber die löste nicht aus. Ich sah keinen Ohrwurm fliegen.

Patenfaltung

Dafür lernte ich bei der Recherche, was Ohrwurmflügel so besonders macht: Die Falttechnik ihrer Flügel ist einzigartig. Grob gesagt falten die meisten Insekten ihre Flügel längs, wie einen Fächer. Will man allerdings seine Flügel unter eine schützende Hülle falten, wie bei vielen Käfern, können zusätzliche Faltungen nötig werden. Bei Ohrenkneifer ist das Verhältnis der extrem kurzen Deckflügel und der „Flughäute“ besonders ungünstig – die Flügel müssen zusätzlich quer gefaltet werden.


Zusätzliche Schwierigkeit: Insektenflügel besitzen keine Muskeln. Sie bestehen aus Cuticula, einer chitinhaltigen Substanz, deren Konsistenz durch Beimischung verschiedener Proteine angepasst werden kann, je nach Funktion. Bewusst steuerbar ist nur ein Muskel an der Flügelbasis. Robin Wootton findet in seinem supertollen Buch „How do Insects fold and unfold their wings“ eine perfekte Beschreibung für den Vorgang: „Stell Dir also vor, Du sollst einen patentgefalteten Stadtplan auseinander- und wieder zusammenfalten, darfst ihn dabei aber nur an einer einzigen Ecke anfassen!

 „


Um zu untersuchen, wie das eigentlich funktionieren kann, haben Forschende Papiermodelle der Flügel gebastelt. Ähnlich wie die Falzkanten von Pop-up-Karten lassen die Flügeladern Flügelbereiche unter Spannung aufpoppen. Beim Ohrenkneifer sieht das gebastelte Konstrukt aus wie einem Knirps-Regenschirm. Und man ahnt beim Herumspielen damit bereits, warum Ohrenkneifer es lieber vermeiden, zu fliegen: Es ist ganz schön tricky, alles wieder zusammenzulegen, selbst wenn man 10 Finger hat. Ohrenkneifer nehmen die Hinterleibszangen zur Hilfe. Jeder, der schon mal ein Pop-up-Zelt oder ein Strandmuschel aufgebaut hat, kennt das: Die Aussicht auf das spätere Zusammenlegen kann einem witterungsbedingte Unbill als das kleinere Übel erscheinen lassen. Meine Ohrenkneifer hungerten lieber oder stürzten sich ins Wasser.

Flügelmodell Ohrwurm-Flügel

Steinzeit als Lebensmotto

Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Faltbarkeit der Insektenflügel ein Gamechanger in Sachen evolutionäre Fittness war – vergleichbar mit dem Rad für die Menschen. Frühe Fluginsekten hatten starre Flügel wie Libellen. Das ist in der Luft ok, am Boden aber sehr hinderlich. Alleine der Wendekreis! Und Verstecke in Spalten und Ritzen oder Löcher im Boden sind praktisch unzugänglich. 
Die Lebensweise dort haben meine Veruschsobjekte derart perfektioniert, dass sie auf die größte Innovation der Insektenwelt fortan weitgehend verzichten können: Flügel zum Fliegen. Wer buchstäblich unterm Stein lebt, kann eben auf technischen Schnickschnack verzichten ;-).

Diese zu den Eintagsfliegen gehörende Uferaas verirrte sich ins Wohnzimmer und kann seine Flügel nicht über dem Körper zusammen legen. Ebenso wie die Große Königslibelle im Teich.

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