MdM: Gottesanbeterin Mantis religiosa

Vor der letzten Eiszeit gab es schon Gottesanbeterinnen in unseren Breiten, wie Fossilien aus dem Harz belegen. Außerdem lebten schon lange kleine Populationen im Süden und Osten Deutschlands. Damit bekam Mantis religiosa das Label „heimisch“ – ziemlich willkürlich, wie ich finde. Unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus ist sie eine Bereicherung für die Gartensafari: Sie sieht nicht nur außergewöhnlich aus, sie hat auch einige spannende Skills: 


Ein Bauchohr gegen Fledermäuse

Richtige „Ohren“ fehlen ihr, aber zwischen den Hinterhüften besitzt sie ein sogenanntes „Zyklopenohr“, das Töne im Bereich von 25 bis 45 kHz aufnimmt. Das passt zu den Ortungsrufen „meiner“ Fledermäuse“ und kann sie warnen. Dieses kostbare Feature haben auch andere meiner Gartenbeohner entdeckt, das Tympanalorgan vieler Nachtfalter hat eine ähnliche Funktion.


3D-Sicht mit Insektenaugen

Räumliches Sehen ist nicht überall verbreitet, und es funktioniert unterschiedlich. Wir vergleichen dazu Helligkeits- und Detailunterschiede zwischen beiden Augen, das 3-D-Bild entsteht dabei im Gehirn. Funktioniert das auch im winzigen Gehirn einer Gottesanbeterin? Forschende der Newcastle University bastelten vor etwa 10 Jahren winzige Bienenwachsbrillen für Gottesanbeterinnen und setzen diese in eine Art Insektenkino. Die Gottesanbeterin konzentriert sich ausschließlich auf Veränderungen/Bewegung zwischen den Augenbildern. Die Tiere schnappten nur zu, wenn der 3D-Effekt tatsächlich Tiefe simulierte. Forschende versuchen, diese einfache 3-D-Sicht in de Robotik zu nutzen.


Blitzschneller Fangschlag

Nachdem die Fangschrecke ihr Opfer fixiert hat, folgt der Fangschlag: Mit 50 bis 60 Millisekunden ist er rund sechsmal schneller als ein menschlicher Lidschlag. (Blitzschnell ist aber übertrieben, denn in 50 ms schafft ein Blitz etwa 5000km).


Immer passend angezogen

Die meisten Fotos zeigen giftgrüne Mantis. Meine ist eher gelbbraun. Ist sie noch nicht ausgefärbt? Oder haben Männchen und Weibchen unterschiedliche Farben? Die Farbe hängt von der Luftfeuchtigkeit bei der letzten Häutung ab: Hohe Luftfeuchte und grüne Umgebung produzieren grüne Exemplare, braune Gräser in trockener Atmosphäre lassen braune Morphen entstehen. Praktisch, direkt im passenden Tarnkleid aus der abgelegten Haut zu schlüpfen.

Sexueller Kannibalismus

Es gibt T-Shirts mit der Aufschrift: „Girls will be Girls“, die eine Gottesanbeterin zeigen, während diese ihrem Männchen den Kopf abbeißt. Das kommt vor. Aber viel seltener, als Beobachtung aus engen Terrarien vermuten lassen: In Freier Wildbahn verspeisen etwa 30% der weiblichen Fangschrecken ihren Partner nach der Befruchtung. Die heimische Wespenspinne beispielsweise frisst ihren Spermalieferanten viel öfter. Die Vorteile der Aktion liegen klar auf der Hand: Der Vater ist die erste Nahrung für den heranwachsenden Nachwuchs – und an der Aufzucht hätte er sich ja ohnehin nicht beteiligt.

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