Einwanderung als Chance

Die Mitbewohnerin des Monats September gilt als heimisch, obwohl ich sie in meinen 50 Jahren noch nie in freier Natur gesehen, höchstens im Terrarium bewundert habe. Die Definition von „heimisch“ bezieht sich nicht auf Ökosysteme, sondern auf Staatsgrenzen und noch dazu auf mehr oder weniger willkürliche Zeitintervalle. Die Gottesanbeterin ist streng geschützt, obwohl sie neu in meinem Garten (und vermutlich den angrenzenden Naturräumen) einwandert ist und niemand genau vorhersagen kann, wie sie sich in das bestehende Ökosystem eingliedern wird.

Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii) wird in diversen Social-Media-Kanälen extrem polarisiert diskutiert, dabei spielen Emotionen eine deutlich größere Rolle als Sachkenntnis. Selbsternannte Naturschützer:innen bezichtigen pauschal alle Gartenbesitzer ohne Ausrottungsphantasien als faule oder dumme Egoisten, die aus niederen Motiven der Natur schaden…. Mit teils blumigen Anschuldigungen gegen die Pflanze, die etwa Schmetterlinge drogenabhängig machen soll oder durch nährstofflosen Necktar ins sichere Verderben führe. Wenn das nichts hilft führt man die martialischen Strafen aus, die angeblich auf die Pflanzung und Verbreitung der „invasiven“ Pflanze stünden (was in Deutschland nicht zutrifft). Richtg ist: Die Pflanze ist konkurrenzstark und setzt sich an freien Flächen schnell gegen andere Gewächse durch. Bahntrassen und Brachen werden zu Monokulturen. Wenige heimische Insekten können mit der aus China stammenden Pflanze etwas anfangen. Ein Brennesselhorst bietet eine Kinderstube für viele der Tagfalter, die den Schmetterlingsflieder lieben.

Andere Tierchen gelten dagegen als unerwünschte Neozooen, eingeschleppt oder aufgrund des Klimawandels eingewandert, oft mit menschlicher Hilfe. Ist das gefährlich, oder gut? Spätestens im Reich der Pflanzen wird diese Diskussion bisweilen recht hitzig geführt. Darf man Schmetterlingsflieder in der Biotonne entsorgen? Muss man Nachtkerzen aus dem eigenen Garten entfernen, obwohl sie seit mehreren hundert Jahren hier sind, wie der NABU kürzlich in einer Insta-Story forderte?

Eine Gammaeule (Autographa gamma) an einer frisch geöffnete Blüte der Nachtkerze. Aus meiner Sicht eine Bereicherung für den Garten, kostenlos und selbst ausgesäht. Außerdem schon seit einigen hundert Jahren in Europa verwildert.

Naturschutz muss über „Conservation“ hinauswachsen


Echte Wissenschaftler sind eigentlich weiter, aber der ehrenamtliche und behördliche Naturschutz hinken offenbar bisweilen etwas hinterher. Über allem schwebt die Frage, welche Natur wir schützen wollen. Die Natur unserer Kindheit? Die von vor 100 Jahren? Oder die von vor der industriellen Revolution? Meiner Meinung nach ist das nicht nur bedenklich anthropozentrisch gedacht, sondern auch komplett unrealistisch. 


Die erste dokumentierte Gottesanbeterin an der alten Mühle. Jedenfalls nach der Eiszeit. Vermutlich.
Blaue Holzbiene, Xylocopa violacea
. Ein weiteres „heimisches“ Insekt – und kaum zu übersehen oder zu verwechseln. Die blauen Metallicbrummer gelten als heimisch, weil sie lange Zeit an warmen Standorten in Baden-Würtenberg einen Fuß in der Tür hatten. Meiner Meinung zeigt das besonders deutlich, wie beknackt die Definition „heimisch“ ist – HIER sind sie jedenfalls eine neue Bereicherung der Fauna.


Vor 15 Jahren trat der Ökologe Mark Davis mit 18 weiteren Experten die Diskussion dazu mit einem Kommentar im Fachmagazin Nature los. Er fordert, Neubürger nicht nach ihrer Herkunft, sondern ihrer Wirkung auf das Ökosystem zu bewerten. Also wegzukommen von der strengen heimisch = gut, eingewandert = schlecht – Logik, die vielen Naturerhaltungsmaßnahmen zu Grunde liegt. Er schreibt etwas ironisch: „Die Einteilung der Biota (belebten Natur) nach der Einhaltung kultureller Normen in Bezug auf Zugehörigkeit, Staatsbürgerschaft, Fairness und Moral trägt nicht zu einem besseren Verständnis der Ökologie bei.“ Statt dessen mahnt er: „Tatsächlich deuten aktuelle Analysen darauf hin, dass eingeschleppte Arten für die meisten Arten in den meisten Lebensräumen keine erhebliche Gefahr für das Artensterben darstellen – wobei Raubtiere und Krankheitserreger auf Inseln und in Seen die wichtigste Ausnahme bilden. Tatsächlich hat die Einführung nicht heimischer Arten fast immer zu einem Anstieg der Artenzahl in einer Region geführt.“

Büffelzirpe, Stictocephala bisonia
. Die soll es vereinzelt gegeben haben, sie wurde mutmaßlich aus Nordamerika eingeschleppt. Inzwischen hab ich sie aber mehrmals angetroffen, auch im Garten – sie ist offenbar gekommen, um zu bleiben.

Demgegenüber gibt es immer noch viele Naturschützer, die ihre bekannte und geliebte Natur konservieren möchten, wie sie sie kennen. Das wird nicht funktionieren, und es kann sogar schaden. „In einem sich rasch wandelnden Umfeld sind historische Präzedenzfälle möglicherweise nicht hilfreich. Versuche, stabile neue Systeme durch traditionelle Restaurierungs- und Konservierungsansätze „zwangsweise“ in einen historischen Zustand „zurückzuversetzen“, könnten zum Zusammenbruch dieser Systeme führen.“ Schreibt Jim Harris mit anderen im September 2024 in Niche, dem Mitgliedermagazine der British Ecological Society’s.

Die „Gestreife-Augen“-Fliege“ Stomorhina lunata
. Die gestreiften Augen machen die Identifizierung leicht. Das ist vermutlich ein Tourist gewesen, stabile Populationen sind nicht erfasst (was auch nichts heißen muss). Bisher taucht diese aus Nordafrika stammende Art nicht in der Liste von typischen Neubürgern auf. Sie legt ihre Eier an die Gelege von Heuschrecken, die wiederum die wärmeren Sommer zu schätzen wissen.
Gefleckte Weinbergschnecke, Cornu aspersum. 
Ursprünglich im Mittelmeerraum, dann gab es einige „Inseln“ mit stabilen Populationen bei Bonn. In den letzten Jahren vermehrt sie sich explosionsartig. Ich erinnere mich, wie ich mich über die erste als seltenen Gartenfund freute, inzwischen ist der Garten voll davon – dafür sehe ich nur noch sehr vereinzelt die Gemeine Weinbergschnecke (Helix pomatia).

Entspannt Euch und lernt!

Mit anderen Worten: Ich muss gar nichts! In meinem Garten sowieso nicht, denn ein Garten ist ja kein behördlich klassifiziertes Naturschutzgebiet, hier darf ich schützen, wen ich will. Aber auch aus ökologischer Sicht ist das starre Beharren auf eine wertende Trennung zwischen „heimischen“ und „nicht heimischen“ Arten nicht mehr zu halten. Gerade pflanzlichen Neubürgern wird ihr Erfolg gern vorgeworfen, so sollen Schmetterlingsflieder, Einjähriges Berufkraut (Erigeron annuus) oder Kermesbeere die Artenvielfalt durch Verdrängung schmälern. Aber müsste das nicht auch für „heimische“ Arten wie Brombeeren gelten, die innerhalb kurzer Zeit wunderbare vielfältige Flächen überwuchern können? Ich halte es mit dem renommierten Wissenschaftler Dave Goulson, der in seinem wunderbaren Buch „Wildlife Gardening“ schreibt: „Es gibt wirklich keinen Grund, sich wegen der Pflanzenauswahl für den Garten verrückt zu machen. Jede Pflanze ist besser als Beton oder Pflaster…“ Den (in England 2 Mrd Euro) teuren und mit Kollateralschäden behafteten Kampf gegen „invasive Arten“ hält er nicht nur an vielen Fronten (Staudenknöterich, Rhododendron) für aussichtslos, sondern bedauert, dass diese horrenden Mittel nicht für echten Naturschutz zur Verfügung stehen. 




Mittelmeer-Weberknecht Opilio canestrinii
. Dieser Weberknecht stammt aus Gebieten südlich der Alpen, wurde schon in meinen Kindertagen (1970er) eingeschleppt und hat sich stark verbreitet, er gilt als „Klimagewinner“. Er ist heute der häufigste Weberknecht in Deutschland und hat zuvor hier lebende Arten offenbar weitgehend verdrängt.

Meine Naturbeobachtungen haben mich vor allem Demut gelehrt. Vor den unglaublichen Anpassungsleistungen natürlicher Systeme, dem passiven Erfindungsreichtum evolutionärer Mechanismen. Und der Komplexität natürlicher Netzwerke und Abhängigkeiten, die wir nicht im Ansatz durchschauen, geschweige denn prognostizieren können. Vor diesem Hintergrund begrüße ich die Neuankömmlinge als Beitrag zu Vielfalt – ihren ökologischen Wert zu beurteilen, maße ich mir nicht an. Für den Unterhaltungswert gebe ich allerdings eine 10 von 10.

Amerikanische Kiefernwanze, Leptoglossus occidentalis
. Stammt eigentlich aus Nordamerika und hat sich dort zunächst von nördlich der Rocky Mountains ausgebreitet, seit 1999 in Europa eingeschleppt, ab 2006 in Deutschland. Das auffällige Insekt lebt offenbar ohne besondere Schadwirkung.
Streifenwanze, Graphosoma italicum. 
Diese spektakuläre Wanzenart habe ich an den Feldrändern meiner Kindheit nie gesehen, irgendwann um 2015 fielen mir die ersten auf – und jetzt sitzen sie auf der wilden Möhre im Garten und feiern eine Schlafanzug-Party.
Marmorierte Baumwanze, Halyomorpha halys
. Diese bunte und große Wanze gilt als eingeschleppter Schädling aus Asien. Wanzen saugen an Pflanzen, da hat man es als Neuankömmling schwer, akzeptiert zu werden – es sei denn man verszehrt ausschließlich was Deutsche Gärtner als „Unkaut“ einordnen. Bei mir sitzt sie oft im Wein, und das macht mir gar nichts.
Grüne Reiswanze, Nezara viridula
. Imago und Nymphen. Eigentlich eine Art der Tropen und Subtropen, wurde sie immer mal wieder mit Früchten eingeschleppt. Seit den 2000ern etabliert sie sich.
Mit Reis hat sie wenig an der Mütze, sie frisst polyphag an allem möglichen und überträgt dabei Pflanzenkrankheiten, daher ist sie im Anbau von Nahrungspflanzen unbeliebt.
Südliche Eichschrecke, Meconema meridionale
. Diese Einwanderin kann nicht fliegen und soll mit dem Auto eingereist sein.
Karstweißling, Pieris mannii. Auf den ersten Blick ein bißchen schwer vom kleinen Kohlweißling zu unterschieden. Dieser Mittelmeerbewohner hat sich erst in den letzten Jahren bis zu uns ausgebreitet und fliegt jetzt mit sehr vielen Exemplaren. 


Selbst die kleine Auswahl an (mutmaßlichen) Klimawanderern und Nutznießern der neuen Bedingungen zeigt: Ohne ihre Anwesenheit wäre der Garten um viele Attraktionen ärmer. Verdrängen sie andere, zuvor in diesem Gebiet lebende Arten? Das ist nur in Einzelfällen untersucht. Menschen haben die Lebensräume massiv verändert – Tiere und Pflanzen passen sich an, auch durch Wanderbewegungen. Einige verlieren, andere gewinnen durch die veränderten Spielregeln. In meinem Garten werden keine Gewinner bekämpft, sondern lebensfreundliche Bedingungen für alle geschaffen. Wer sich durchsetzt, beobachte ich meistens untätig von der Seitenlinie.

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