Die Mitbewohnerin des Monats September gilt als heimisch, obwohl ich sie in meinen 50 Jahren noch nie in freier Natur gesehen, höchstens im Terrarium bewundert habe. Die Definition von „heimisch“ bezieht sich nicht auf Ökosysteme, sondern auf Staatsgrenzen und noch dazu auf mehr oder weniger willkürliche Zeitintervalle. Die Gottesanbeterin ist streng geschützt, obwohl sie neu in meinem Garten (und vermutlich den angrenzenden Naturräumen) einwandert ist und niemand genau vorhersagen kann, wie sie sich in das bestehende Ökosystem eingliedern wird.

Andere Tierchen gelten dagegen als unerwünschte Neozooen, eingeschleppt oder aufgrund des Klimawandels eingewandert, oft mit menschlicher Hilfe. Ist das gefährlich, oder gut? Spätestens im Reich der Pflanzen wird diese Diskussion bisweilen recht hitzig geführt. Darf man Schmetterlingsflieder in der Biotonne entsorgen? Muss man Nachtkerzen aus dem eigenen Garten entfernen, obwohl sie seit mehreren hundert Jahren hier sind, wie der NABU kürzlich in einer Insta-Story forderte?

Naturschutz muss über „Conservation“ hinauswachsen
Echte Wissenschaftler sind eigentlich weiter, aber der ehrenamtliche und behördliche Naturschutz hinken offenbar bisweilen etwas hinterher. Über allem schwebt die Frage, welche Natur wir schützen wollen. Die Natur unserer Kindheit? Die von vor 100 Jahren? Oder die von vor der industriellen Revolution? Meiner Meinung nach ist das nicht nur bedenklich anthropozentrisch gedacht, sondern auch komplett unrealistisch.


Vor 15 Jahren trat der Ökologe Mark Davis mit 18 weiteren Experten die Diskussion dazu mit einem Kommentar im Fachmagazin Nature los. Er fordert, Neubürger nicht nach ihrer Herkunft, sondern ihrer Wirkung auf das Ökosystem zu bewerten. Also wegzukommen von der strengen heimisch = gut, eingewandert = schlecht – Logik, die vielen Naturerhaltungsmaßnahmen zu Grunde liegt. Er schreibt etwas ironisch: „Die Einteilung der Biota (belebten Natur) nach der Einhaltung kultureller Normen in Bezug auf Zugehörigkeit, Staatsbürgerschaft, Fairness und Moral trägt nicht zu einem besseren Verständnis der Ökologie bei.“ Statt dessen mahnt er: „Tatsächlich deuten aktuelle Analysen darauf hin, dass eingeschleppte Arten für die meisten Arten in den meisten Lebensräumen keine erhebliche Gefahr für das Artensterben darstellen – wobei Raubtiere und Krankheitserreger auf Inseln und in Seen die wichtigste Ausnahme bilden. Tatsächlich hat die Einführung nicht heimischer Arten fast immer zu einem Anstieg der Artenzahl in einer Region geführt.“

Demgegenüber gibt es immer noch viele Naturschützer, die ihre bekannte und geliebte Natur konservieren möchten, wie sie sie kennen. Das wird nicht funktionieren, und es kann sogar schaden. „In einem sich rasch wandelnden Umfeld sind historische Präzedenzfälle möglicherweise nicht hilfreich. Versuche, stabile neue Systeme durch traditionelle Restaurierungs- und Konservierungsansätze „zwangsweise“ in einen historischen Zustand „zurückzuversetzen“, könnten zum Zusammenbruch dieser Systeme führen.“ Schreibt Jim Harris mit anderen im September 2024 in Niche, dem Mitgliedermagazine der British Ecological Society’s.


Entspannt Euch und lernt!
Mit anderen Worten: Ich muss gar nichts! In meinem Garten sowieso nicht, denn ein Garten ist ja kein behördlich klassifiziertes Naturschutzgebiet, hier darf ich schützen, wen ich will. Aber auch aus ökologischer Sicht ist das starre Beharren auf eine wertende Trennung zwischen „heimischen“ und „nicht heimischen“ Arten nicht mehr zu halten. Gerade pflanzlichen Neubürgern wird ihr Erfolg gern vorgeworfen, so sollen Schmetterlingsflieder, Einjähriges Berufkraut (Erigeron annuus) oder Kermesbeere die Artenvielfalt durch Verdrängung schmälern. Aber müsste das nicht auch für „heimische“ Arten wie Brombeeren gelten, die innerhalb kurzer Zeit wunderbare vielfältige Flächen überwuchern können? Ich halte es mit dem renommierten Wissenschaftler Dave Goulson, der in seinem wunderbaren Buch „Wildlife Gardening“ schreibt: „Es gibt wirklich keinen Grund, sich wegen der Pflanzenauswahl für den Garten verrückt zu machen. Jede Pflanze ist besser als Beton oder Pflaster…“ Den (in England 2 Mrd Euro) teuren und mit Kollateralschäden behafteten Kampf gegen „invasive Arten“ hält er nicht nur an vielen Fronten (Staudenknöterich, Rhododendron) für aussichtslos, sondern bedauert, dass diese horrenden Mittel nicht für echten Naturschutz zur Verfügung stehen.

Meine Naturbeobachtungen haben mich vor allem Demut gelehrt. Vor den unglaublichen Anpassungsleistungen natürlicher Systeme, dem passiven Erfindungsreichtum evolutionärer Mechanismen. Und der Komplexität natürlicher Netzwerke und Abhängigkeiten, die wir nicht im Ansatz durchschauen, geschweige denn prognostizieren können. Vor diesem Hintergrund begrüße ich die Neuankömmlinge als Beitrag zu Vielfalt – ihren ökologischen Wert zu beurteilen, maße ich mir nicht an. Für den Unterhaltungswert gebe ich allerdings eine 10 von 10.







Selbst die kleine Auswahl an (mutmaßlichen) Klimawanderern und Nutznießern der neuen Bedingungen zeigt: Ohne ihre Anwesenheit wäre der Garten um viele Attraktionen ärmer. Verdrängen sie andere, zuvor in diesem Gebiet lebende Arten? Das ist nur in Einzelfällen untersucht. Menschen haben die Lebensräume massiv verändert – Tiere und Pflanzen passen sich an, auch durch Wanderbewegungen. Einige verlieren, andere gewinnen durch die veränderten Spielregeln. In meinem Garten werden keine Gewinner bekämpft, sondern lebensfreundliche Bedingungen für alle geschaffen. Wer sich durchsetzt, beobachte ich meistens untätig von der Seitenlinie.


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