Geschlechterfragen und biologischer Blödsinn

„Geschlecht ist Biologie ist Realität ist Wahrheit“, sprach eine Frau von Storch in einer Bundestagsrede von 2023 und argumentierte damit gegen das Selbstbestimmungsgesetz, welches Menschen juristischen den Rücken stärken soll, die sich den sozialen Implikationen genetischer Gegebenheiten widersetzen möchten. Auf „Natur“ und „Biologie“ berufen sich derzeit häufig Kräfte, die eine Rechtfertigung für mißgünstige und herabsetzende Entscheidungen suchen.


Was ist Natur?

Abgesehen davon, dass menschliche Lebensentwürfe nicht an ihrem Nutzen für die Fortpflanzung gemessen werden sollten: Gönnen wir uns einen rein biologistischen Blick auf die Geschlechterfrage. Was ist denn überhaupt natürlich? Schon ein kurzer Blick in den Garten zeigt: Fortpflanzung braucht keine zwei Geschlechter.

Jungfernzeugung ist weit verbreitet

Diese Mitbewohnerin pflanzt sich parthogenetisch fort. Die Schwarze Kirschblattwespe (Caliroa cerasi) vermehrt sich ohne männliche Beteiligung. Nördliche Populationen bilden einfach überhaupt keine Männchen, die Mütter legen ihre Eier an die Blattunterseite verschiedener Steinobst-Pflanzen. Das Bild zeigt die Larve mit ihrem schwarzen Schleim, der ihr den englischen Namen Pear Slug, also Birnen-Schnecke eingebracht hat. Im zweiten Bild hat sie den Schleimmantel abgestreift und steht kurz vor der Verpuppung. Die Blattwespe selbst ist unspektakulär und ebenfalls schwarz. Sie hat auf der Felsenbirne einige Quadratzentimeter Blatt skelettiert.



Blattlaus-Mütter mit Nachwuchs

Ein bekannteres Beispiel für ungeschlechtliche Fortpflanzung im Tierreich sind die allgegenwärtigen Blattläuse. Alle paar Generationen entstehen Männchen, die sich auch paaren. Meistens werden statt dessen Nachkommen erzeugt, die Klone der Mutter (und daher „weiblich“) sind. Die Mechanismen der Pathogenese oder auch Jungfernzeugung sind vielfältig und flexibel – es gibt verschiedene Ausprägungen, mit und ohne Meiose, fakultativ oder obligatorisch, alle möglichen Übergangsstadien. Bis zu den Wirbeltiere (Reptilien zum Beispiel) reichen die Beispiele für Vermehrungsstrategien, die nicht an Zweigeschlechtlichkeit gebunden sind.

Hermaphroditen sind alle Geschlechter

Land- und Süßwasserschnecken sind häufig zwittrig, sie besitzen also männliche und weibliche Geschlechtsorgane gleichzeitig. Meist reifen Eizellen und Spermien versetzt, um eine Selbstbefruchtung zu verhindern. Bei den Weinbergschnecken sind Paarung und Befruchtung außerdem zeitlich getrennt, die übergebenen Spermien werden erstmal „zwischengelagert“. Die beiden Partner befruchten sich im Rahmen eines viele Stunden dauernden Liebesspiels gegenseitig, manchmal unter Einsatz sogenannter Liebespfeile. Schnecken haben die Geschlechtertrennung erfolgreich überwunden.


Über die wilde Genetik dieses Mitbewohners schrieb ich schon mal, Forschende bezeichnen ihn als sexuellen Parasit, er ist quasi ein Genräuber. Und ein gutes Beispiel dafür, das auch in Sachen Genetik nichts in Stein (bzw DNA) gemeißelt ist.

Genetik und Lebensweise sind verschiedene Themen

Mit steigender Komplexität der Organismen sind „Männchen“ und „Weibchen“ die Regel. 
Für die Rekombination von genetischem Material hat die Aufteilung der Erbinformation auf verschiedene Geschlechter (und deren Trennung durch geschlechtsbestimmende Chromosomen) statistische Vorteile und sich daher durchgesetzt. Über Paarbeziehungen in „der Natur“ sagt das allerdings nichts aus: Ich schrieb schon einmal über die sehr unterschiedlichen Konzepte von Elternschaft in meinem Garten. Erbgutverwaltung und Lebensweise sind also zwei unabhängige Bereiche. In der Natur sind männliche Individuen häufig auf ihren Job als Spermienlieferant reduziert und fristen nicht selten ein äußerst kurzes Leben, etwa bei den Bienen, Hummeln, Wespen, Ameisen, Spinnen und vielen anderen. Selbst bei den Säugetieren im Garten haben Männchen oft keine Relevanz für die Aufzucht des Nachwuchses, etwa bei Igel, Eichhörnchen oder Mader. „Familie“ ist auch bei Säugetieren keine „natürliche“ oder biologische Kategorie – sondern eine soziale. 

Wir finden also alleinerziehende Mütter, Brutgemeinschaften von Weibchen, Zwitter-Sex, Ungeschlechtliche Vermehrung, und artübergreifende Fortpflanzung direkt in der Natur vor unserer Haustür! 


Unser Igel: Fortpflanzung ja – Familie: Nein!

Vielfalt treibt die Evolution

„Jaja, gibt es alles – aber es ist halt eine Abweichung, ein Sonderfall der Natur!“ Heißt es aus Sicht von Menschen, die feste Kategorien brauchen, um sich in einer komplizierten Welt zurecht zu finden. Das darf man alles denken. (Entgegen unreflektierter Beschwerden DARF man hier alles denken und sogar fast alles öffentlich verbreiten), wenn man anmaßend genug ist, sich durch den Blick auf die Evolutionsgeschichte in seinem Verständnis von „normal“ nicht erschüttern zu lassen. Beispiel: Vor ca. 3 Milliarden Jahren war die Energiegewinnung mit Hilfe sauerstoffabhängiger Prozesse eine krasse Normabweichung. Hat eine knappe Milliarde Jahre gedauert, aber in den letzten 2 Milliarden Jahren ist aerobe Atmung zum Erfolgskonzept für fast das gesamte Leben auf der Erde avanciert! Die Dinge können sich ändern, auch wenn es manchmal dauert. Und die sogenannten „Abweichungen“ sind immer auch ein Reservoir für neue Lösungen gewesen, falls sich die Bedingungen ändern. Bis dahin bleiben sie vielleicht eine Nische, aber viele besetzte Nischen sind für biologische System eben ein Stabilitätsfaktor.

Leben und leben lassen

Wir haben schon lange -aus evolutionsbiologischer Sicht allerdings erst sehr kürzlich- entschieden, uns von unserer Biologie nicht zu viele Vorschriften für das Leben machen zu lassen. Wir fliegen und tauchen. Wir bestimmen selbst, ob und wie viele Nachkommen wir produzieren. Wir essen täglich Dinge, auf die unsere Physiologie nicht evolutionär eingestellt ist. Wir ignorieren unseren Schlafrhythmus und bestrahlen uns freiwillig und mit Vergnügen bis spät in die Erdnacht mit Lichtstrahlung selektierter Wellenlänge und Lärm in künstlich erzeugten Frequenzbereichen. Dazu trinken wir häufig eine Mischung aus Zellgiften mit Makronährstoffen, die unsere Regulationssyteme überfordern oder inhalieren mutationsauslösende Kohlenwasserstoffderivate mit neurotoxischen Alkaloiden. Das nennen wir Party oder auch „Brauchtum“. Niemand – schon gar nicht konservative Politikerkreise – kämen auf die Idee diesen Lebensstil als „widernatürlich“ zu bezeichnen.


Lasst die Natur aus dem Spiel

Warum sollte also ausgerechnet die Frage, wenn wir lieben, mit wem wir leben oder welche Klamotten wir tragen von der Genetik bestimmt werden? Und warum sollte Fortpflanzung angesichts der massiven Überbevölkerung unseres endlichen Planeten weiterhin als „natürlicher“ Sinn des Lebens gelten? Es steht jedem frei, die eigene Meinung zu diesem Thema vor sich her zu tragen. Nur „die Natur“ als Legitimation für eigene Engstirnigkeit zu zitieren ist – auch ganz biologisch betrachtet – Schwachsinn. Oder anders gesagt: Wer ideologischen Blödsinn erzählen will, soll dafür nicht die Biologie mißbrauchen. 


Wenn Zwitter abhängen: Tigerschnegel (Modell im Naturhistorischen Museum Wien) und Wegschnecke im Garten

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